20 April 2014

Es war einmal...

... vor einiger Zeit, da rief bittersweet zu einem Schreibwettbewerb auf. Man sollte einem Märchen ein Makeover verpassen.

Da habe ich, da ich mich ja wegen eines Buchprojektes ein wenig im Schreiben üben will, natürlich gleich mal mitgemacht. Es gab auch so ein Märchen, das meiner Meinung nach ganz dringend ein Makeover nötig hatte. Der Froschkönig.

Um den Froschkönig mal kurz zusammen zu fassen: Ein verwöhntes Prinzesschen verliert ihr geliebtes goldenes Spielzeug im Teich und ein kleiner grüner Frosch ist so nett und holt es der Prinzessin wieder heraus. Doch statt sich bei dem Frosch zu bedanken und ihr Verprechen einzulösen, ist die Prinzessin totaaaaal gemein zu dem Frosch und klatscht ihn sogar an die Wand. Da verwandelt sich der Frosch in einen schönen Prinzen. Doch statt der Prinzessin, deren Interesse nun doch geweckt ist, mal die Meinung zu geigen, verliebt sich der Prinz in sie und sie werden glücklich bis an ihr Lebensende... und die Prinzessin ist weiter eine verwöhnte Zicke.

So habe ich das zumindest empfunden. Seht ihr, wieso dieses Märchen meiner Meinung nach ein Makeover gebraucht hat? So einfach wollte ich es der Prinzessin in meiner Version davon dann doch nicht machen ;) !

2 Tage saß ich also an meinem Makeover, das - zu meiner eigenen Überraschung - auch ganz ohne Fantasy auskommt. Ich schickte es ein und wartete gespannt, ob ich es damit unter die Top 10 schaffen würde. Und siehe da, ich habe es geschafft :) ! Platz 6 beim Makeover-Schreibwettbewerb darf ich mein Eigen nennen! (Hier steht es ganz offiziell auf der bittersweet Seite.)

Und da ich gerade eine Lernpause mache und Ablenkung suche dachte ich mir, dass ich euch damit jetzt ein bisschen auf die nerven gehe :D ! Wenn euch die Geschichte Interessiert, dann findet ihr unter dem Bild den Weiterlesen-Button. Viel Spaß :) !

Meine Makover-Variante von Der Froschkönig trägt den Titel:


©Text & Bild: Lisa Rosenbecker


Schrab. Schrab. Schrab. Schrab. Ich lies mein Handy mit seinem Rücken auf meinem Tisch kreiseln. Mit jeder Umdrehung gab es eines dieser kleinen, kratzenden Geräusche von sich. Schrab. Schrab. Schrab. Früher, als es noch ganz neu war, hatte es sich fast lautlos gedreht. Doch mit der Zeit hatte es einige Dellen und Kratzer abbekommen, die ein Ungleichgewicht in die Drehung brachten und das Geräusch verursachten. Ich musste schmunzeln als ich es so ansah, mein kleines,  goldenes Handy, das heute eigentlich schon wieder also total retro galt. Es handelte sich um eines dieser Handys, die man auseinander schieben musste um an die Tastatur zu gelangen. Es war golden, mit weißen Umrissen von Blüten, die sich um die ganze Hülle rankten. Hier und da war die Farbe abgeplatzt und das weiße Plastik darunter kam zum Vorschein. Mein Vater hatte es mir zu meinem vierzehnten Geburtstag geschenkt, weil ich mich im Laden einfach nicht daran sattsehen konnte und gebettelt habe, bis ich es dann bekam. Zwar erst einen Monat später zu meinem Geburtstag, aber das Warten hatte sich gelohnt. Es war mein erstes Handy und es tat seinen Dienst auch heute immer noch mit Zuverlässigkeit. Ich liebte es abgöttisch und deswegen hatte ich es auch all die Jahre behalten. Mit dreiundzwanzig lebte ich im Zeitalter von Smartphones und WhatsApp also so ziemlich hinter dem Mond, aber das war mir egal. Ich glich diesen Rückstand in anderen Gebieten aus. Ich hatte eine neue und ziemlich teure Armbanduhr, eine neue Handtasche von Longchamp, und ein neues Komplettoutfit von Kopf bis Fuß, das ebenfalls nicht gerade billig gewesen war. Ich liebte neue Sachen und dank des großzügigen Taschengeldes meiner Eltern konnte ich mir immer all das kaufen, was ich wollte. Ich hatte einen gewissen Ruf als It-Girl, was neue Trends anging und meine Freundinnen versuchten mich zu kopieren, was ihnen nicht wirklich gelang. Weder gut noch unauffällig. Manchmal neckten sie mich wegen meines Handys, aber ich ignorierte das immer ganz gekonnt. Ich wollte immer perfekt sein, weswegen ich morgens mehr Zeit in Bad und Ankleidezimmer verbrachte, als wohl normal war, aber mein kleines, mackenhaftes Handy war eine Ausnahme. Es gehörte einfach zu mir. 


Da ich so in meine Gedanken versunken war, bekam ich die letzten Worte des Dozenten nicht mehr mit, bevor überall im Hörsaal die kleinen Tische zurückgeklappt wurden und meine Kommilitonen sich zum Gehen erhoben. Ein Murmeln ging durch den Hörsaal und auch ich erhob mich, um endlich dieser stickigen Luft zu entkommen. Ich studierte Jura, weil das nun einfach nun mal in meiner Familie lag. Mein Vater war Anwalt, dessen Vater war es ebenfalls gewesen und dessen Bruder auch… Zwar war ich nicht wie gewünscht ein Junge geworden, aber die Familientradition erhielt ich dennoch aufrecht, was  meinen Vater sehr stolz machte. Er hatte mir sogar ein Mal gestanden, dass er eigentlich sehr froh war, eine Tochter zu haben. Als ich ihm dann verkündete, in seine Fußstapfen treten zu wollen, sind ihm sogar ein paar Tränen aus den Augen gekullert. Ich machte meinen Vater gerne stolz und ich wusste, dass mein Jurastudium die Sahne auf dem Kuchen war. 


Meine nächste Vorlesung hatte ich erst in einer Stunde, weshalb ich beschloss zu meinem Lieblingsplatz in der Stadt zu gehen und dort etwas zu lesen. Es handelte sich dabei um einen Brunnen auf dem Marktplatz, der von alten Fachwerkhäusern umgeben war. Pflastersteine waren über den ganzen Platz verteilt und da es eine Fußgängerzone war, lag eine entspannte und ruhige Atmosphäre in der Luft, die ich sehr mochte. Zu Fuß waren es nur drei Minuten bis dorthin und ich kaufte mir unterwegs noch ein Eis, mit dem ich die Sonnenstrahlen dieses wärmer werdenden Märzes genießen wollte. Der Brunnen war nicht besonders groß im Durchmesser, dafür war er aber recht tief und durch das über den Winter abgestandene dreckige Wasser konnte man den Grund kaum sehen. Erst in wenigen Wochen würde das Wasser ausgetauscht und die Anlage wieder in Betrieb genommen werden. Dennoch strahlte der Brunnen eine gewisse Eleganz aus. Er war aus schlichtem, grauem Stein, in dessen Mitte sich so etwas wie eine Statue befand. Diese zeigte einen Reiter, dessen Pferd auf den Hinterbeinen steht. 


Ich setzte mich auf den Rand des Brunnens und platzierte meine Tasche neben mich. Ich stellte meinen Wecker, damit ich die nächste Vorlesung nicht verpasste und holte dann mein Buch heraus, um darin zu lesen. Einige Zeit später bekam ich Durst, aber da ich gerade so an das Buch gefesselt war, schaute ich nicht hin, als ich hinter mich in meine Tasche griff um mir meine Wasserflasche zu angeln. Als ich bemerkte, dass meine Handtasche meinem suchenden Arm nicht standhielt war es auch schon zu spät. Die Tasche kippte um und meine Sachen purzelten aus ihr heraus und in den Brunnen. Fluchend sprang ich auf, dachte aber noch daran, das Buch etwas weiter außen an den Rand zu legen und fing dann an, mein Hab und Gut aus dem Brunnenwasser zu fischen. Zumindest das, was nicht sofort untergegangen war. Ich angelte meinen Block heraus, ein paar Haargummis und die halb leere Wasserflasche. Mein Mäppchen war verschont geblieben, ebenso meine Unibücher, lediglich ein paar einzelne Kulis schienen ihre letzte Ruhestädte im Brunnen gefunden zu haben. Ebenso wie mein Handy. „Verfluchter Mist!“ Eine Mutter mit Kinderwagen sah mich empört an und ging dann kopfschüttelnd weiter. Ich beugte mich über den Rand des Brunnens und versuchte auszumachen, ob mein Handy wirklich in den Brunnen gefallen war. Ich drehte eine halbe Runde, konnte aber nichts entdecken. „Verfluchter Mist hoch drei!“ Ich ging zu meiner Tasche zurück und überprüfte den Inhalt noch ein Mal. Dennoch war weit und breit keine Spur meines Handys zu sehen. Ich war den Tränen nahe und wappnete mich gerade mental, meine Arme in diese Brühe zu stecken, als ich neben mir das Plätschern von Wasser hörte. Ein junger Mann stand neben dem Brunnen. Er hatte sich den linken Ärmel seines grünen Hoodies fast bis zur Schulter hochgezogen und der dazugehörige Arm steckte im Brunnen. Wie schon gesagt war das Wasser recht tief, weswegen es nicht ausblieb, dass sein Ärmel dennoch nass wurde. Ich hatte dieses Bild noch nicht richtig verarbeitet, da holte er seine Hand auch schon wieder aus dem Wasser heraus und lächelte strahlend seinen Fund an. Mein goldenes Handy. 


„Da ist wohl jemand sehr Old-School, was?“ Nun galt sein Lächeln mir und für einen Moment war ich sprachlos. Braune Locken fielen dem Jungen ins Gesicht und seine dunkel-grünen Augen schienen durch die grelle grüne Farbe seines Hoodies irgendwie zu leuchten. Und dann sein Lächeln. Es wirkte so lebhaft. Ich blickte auf mein Handy in seinen Händen, das vor Wasser nur so triefte und wurde ein wenig verzweifelt. War es unwiederbringlich kaputt? Im nächsten Moment veränderte sich da sein Gesichtsausdruck und er sagte: „Na, na. Nicht traurig sein. Diese alten Dinger sind für die Ewigkeit gebaut! Einfach auseinanderbauen, abtrocknen und auf die Heizung legen. Dann ist es quasi wie neu!“ Ich lächelte ihn leicht an, als er mir das bemitleidenswerte Ding überreichte.


 „Bist du sicher? Es hat ja schon so einiges durchgemacht, aber mit Wasser hat es bisher keine Erfahrung.“, sagte ich. Er zwinkerte mir zu.


 „Ich bin mir ziemlich sicher.“ Da ich nun mein Handy wiederhatte, betrachtete ich den jungen Mann genauer. Er trug einen grünen Hoodie, der sehr abgeliebt aussah, dazu ein paar dunkle Jeans, die ihre besten Tage schon hinter sich und ein paar Löcher gesammelt hatten und ein paar, nein wirklich, grüner Sneakers, die aussahen, als wäre er einen Marathon durch Matsch gelaufen.  Von Mode schien dieser Typ nichts zu verstehen. Er sah aus wie ein Skater, die ihre Tage in diesen komischen Fun Parks verbrachten und nichts auf die Reihe bekamen außer Flips oder Chips oder wie auch immer diese Skateboard-Figuren hießen. Nein, ein Blick genügte mir um zu wissen, dass dieser Typ zwar süß aussah, aber keinesfalls in meiner Liga spielte. Ich hatte meine Erfahrungen mit dieser Art Jungs und diese waren keinesfalls wiederholungswürdig. Ich schenkte ihm ein nettes Lächeln und bedankte mich bei ihm für die Rettung meines Handys. Ich dachte damit wäre es getan, doch der grüne Skater-Boy, wie ich ihn in Gedanken nannte, breitete fragend seien Arme aus. „Wie, kein Kuss für den glorreichen Helden, der das geliebte Spielzeug der Prinzessin gerettet hat?“ Er sagte es gespielt mokiert, dennoch merkte ich, dass ihm die Grundfrage ernst war. Küssen würde ich ihn auf keine Fall, aber ich zückte mein Portemonnaie und fragte: „Wie viel möchtest du denn für die Rettung haben?“


„Oh nein, Prinzessin, Helden nehmen kein Geld für ihre Taten. Aber zu einem Kaffee würde ich nicht nein sagen.“ „Dann gehen wir eben ins Café und ich kaufe die einen Kaffee.“ „Du verstehst mich nicht. Ich möchte mit dir einen Kaffee trinken gehen.“ Er grinste mich an.

 Nie. Im. Leben. Würde ich mit diesem Typen einen Kaffee trinken gehen. Wahrscheinlich kannte er nicht mal den Unterschied zwischen einem Milchkaffee und einem Latte Macchiato. „Ich habe leider…“ ich sah demonstrativ auf meine Uhr „… in einer Viertelstunde wieder Uni, bis heute Abend.“ Ich lächelte ihn entschuldigend, aber nicht ernst gemeint an. Doch er gab nicht auf. „Wie wäre es dann morgen, selbe Zeit, selber Ort?“ Das Nein lag mir schon auf der Zunge, aber da kam mir eine andere Idee. Morgen hatte ich um diese Zeit ebenfalls eine Vorlesung, aber das wusste er ja nicht. „Okay. Abgemacht.“  Er würde vielleicht hier sein, aber ich mit Sicherheit nicht. Er machte eine leicht lächerlich wirkende Verbeugung in meine Richtung, lächelte mich dabei an und sagte: „Dann bis morgen, Prinzessin.“ Ich konnte nichts mehr sagen, eher er sich umdrehte und mit den Händen in den Hosentaschen in eine der Gassen verschwand, die vom Marktplatz abgingen. Ich schüttelte leicht den Kopf über diesen komischen Vogel, ehe ich mich wieder an meine bevorstehende Vorlesung erinnerte und mich wieder Richtung Uni aufmachte.



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Am nächsten Abend hatte ich den Zwischenfall schon fast wieder vergessen. Mein schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen, und deswegen war meine Freude über den kommenden Abend nicht getrübt. Ich wollte mich mit zwei Freundinnen in unserem Stamm-Restaurant treffen. Wir hatten es zwar erst vor kurzem für uns entdeckt, fühlten uns dort aber pudelwohl. Da das Königs aufgrund seiner hohen Preise nicht unbedingt etwas für Studenten war, hielt sich der Lautstärkepegel in Grenzen und die Atmosphäre hatte etwas Elegantes. Die Möbel waren schlicht, aber sehr schick und bestimmt nicht gerade billig gewesen. Auch das Besteck und Gedeck waren vom Feinsten und das Essen erst. Feinste Zutaten wurden hier in einen wahren Gaumenschaus verwandelt, für den ich gerne etwas mehr bezahlte. Meine beiden Freundinnen Jana und Elise teilten da meine Ansicht. Sie kamen, wie ich, aus reichem Elternhaus und hatten von klein auf gelernt, mit dem Besten zu leben. Wir hatten uns gerade hingesetzt, da brachte uns auch schon der Chefkellner die Karten. Lange brauchten wir nicht überlegen, denn jede von uns hatte ein Lieblingsgericht, was wir immer bestellten. Dennoch las ich meine Karte noch, als ein Kellner an unseren Tisch trat.


„Wissen die Damen schon, was es sein darf?“  Ich wusste nicht wieso, aber mir wurde auf einmal heiß und kalt zugleich. Ich kannte diese Stimme, wenn auch noch nicht lange. Das glaubte ich ja jetzt nicht. Ein Blick zur Seite verriet mir, dass meine Befürchtung stimmte. Es war der Skater-Boy von gestern Nachmittag. Er hatte mich bestimmt schon vorher erkannt, denn er ließ sich keine Überraschung, aber auch keine andere Emotion anmerken, als er mir in die Augen blickte. Er hatte grüne Augen. So viel war mir gestern schon aufgefallen, aber heute fiel mir außerdem auf, dass sie kleine dunkle Sprenkel hatten, die durch das Licht der Kerze auf unserem Tisch eigenartig funkelten. 


Jana, die für ihr Leben gerne redete, fing mit ihrer Bestellung an. „Ich hätte gerne die Nummer 45, aber ohne Schinken und dazu eine Cola, bitte.“ Sie sah unseren Kellner dabei nicht mal richtig an. Elise war die nächste. „Ich nehme die 67. Und ein Glas vom Rotwein des Tages.“ Sie war eher von mürrischer Natur, zumindest auf den ersten Blick, konnte aber auch wirklich nett sein, wenn sie wollte. Skater-Boy nahm die Bestellung entgegen und tippte sie auf dieses Gastro-Bediendingens ein, dessen Name mir gerade nicht einfallen wollte. Ich war zu sehr damit beschäftig, ihn zu betrachten. Seinen grünen Hoodie hatte er zum Glück nicht an, stattdessen trug er ein weißes Hemd, das an den Ärmeln hochgekrempelt war und eine schwarze Hose aus Stoff. Beides stand ihm gut. Sehr gut sogar.


„Und was darf es bei Ihnen sein, Prinzessin?“ Jetzt hatte er dann doch die volle Aufmerksamkeit meiner Freundinnen. Beide starrten ihn mit großen Augen an. Dann sahen sie auf mich, in voller Erwartung eines empörten Ausbruchs, den ich unter normalen Umständen wahrscheinlich gehabt hätte. Dies waren aber keine normalen Umstände. Ich hatte diese kleine Neckerei vor meinen Freundinnen durchaus verdient. Vermutlich wollte er, dass sie mich fragten wieso ich nichts gesagt hatte, als er mich so nannte und hoffte vermutlich, dass ich mein Verhalten von heute Nachmittag bereute. Mein Nichtauftauchen, um genauer zu sein. Ich wollte mir meine Unsicherheit nicht anmerken lassen, deswegen lächelte ich ihn möglichst selbstbewusst an und gab meine Bestellung auf. Bevor er ging machte er wieder eine kleine Verbeugung und ging dann Richtung Küche.

Ich traute mich kaum, meine beiden Freundinnen anzusehen, denn ich wusste, was nun kam. Auch wenn die beiden sonst so unterschiedlich waren, wenn es um Mädchenkram ging, was auch Männer miteinbezog, waren beide immer Feuer und Flamme.


„Prinzessin?“ Jana war die erste, die Worte fand.

„Ich dachte du würdest im dafür eine scheuern!“ Elise die zweite. Sie lieferten sich eine Fragenschlacht.

„Wieso hast du ihm keine gescheuert?“

„Kennst du ihn?“

„Woher?!“

„Er sieht ja ganz süß aus...“

„Ich hab ihn hier vorher noch nie gesehen.“


„Mädels!“ Auch ich fand endlich meine Stimme wieder und sah die beiden an. Sie waren halb über den Tisch gelehnt und sahen mich fragend an. Ich wusste dass ich den beiden für die nächsten paar Stunden nicht ausweichen konnte, deswegen wollte ich es lieber gleich hinter mich bringen, bevor ich mich nur auf meinem Stuhl herumwand. Ich erzählte von der Rettung meines Telefons, dem dafür geforderten Date und wie ich mich davon ferngehalten hatte. Ich hätte erwartet, dass die beiden mir zustimmen  und mit mir darüber lachen würden, aber so wie es aussah, hatte ich falsch gewettet.


„Hanna! Also das war wirklich nicht nett von dir!“

„Der arme Kerl!

„Einen eindeutigen Korb verteilen ist ja Okay, aber Ja sagen und dann nicht auftauchen, das ist echt nicht fair!“

„Immerhin hat er dein Handy gerettet. Wir alle drei wissen, wie viel es dir wert ist!“ Ich sackte ein wenig in meinem Stuhl zusammen und wunderte mich über Jana und Elise. Ich hatte die beiden noch nie so erlebt. „Warum steht ihr auf seiner Seite? Ihr seid meine Freundinnen, also solltet ihr auf meiner stehen.“

„Süße, das tun wir sonst immer und das weißt du auch. Aber Hey, der Kerl ist echt süß, wieso bist du so gemein zu ihm?“

„Ich glaube, er gehört der Skater-Spezies an und auf die habe ich leider überhaupt keine Lust.“

„Ah, verstehe. Falsche Spezies. In einer Studentenstadt findet man aber nun mal nicht an jeder Ecke einen Prinzen oder dessen Äquivalent.“

„Was da wäre?“

„Ein reicher Erbe natürlich.“ Ich verdrehte die Augen, musste aber ein wenig Schmunzeln. 

Auch Jana und Elise konnten sich ein kleines Kichern nicht verkneifen. Welches Mädchen träumte dank Disney nicht davon, von einem schönen Prinzen gefunden zu werden. Ich hatte schon so einige Frösche geküsst, bisher war aber leider kein Prinz darunter gewesen. Deswegen hielt ich mich seit einiger Zeit auch eher an Jungs, die nach außen hin einen gewissen Stand ausstrahlten. Jana und Elise definierten es als reich, ich dagegen nannte es stilvoll. Ich wusste, dass die beiden mich für leicht oberflächlich hielten, bisher hatte es mich aber nicht gestört. Immerhin waren auch sie keine unbeschriebenen Blätter, was das anging. Nach ein paar Witzen über Prinzen und ihre Pferde kamen wir dann zu anderen Themen. Skater-Boy sahen wir erst wieder, als er uns das Essen brachte. Es duftete köstlich und lenkte mich zum Glück davon ab, ihn in seinem weißen Hemd anzugaffen.


„Bitteschön die Damen. Lassen Sie es sich schmecken.“

„Einen Moment bitte.“ Jana hatte das Wort an ihn gerichtet. „Wie heißt du?“


Was sollte denn das jetzt bitte. Im Stillen flehte ich Jana an, jetzt bloß nichts Blödes zu machen. Diese Angst war berechtigt, denn Hals-über-Kopf Sachen waren genau ihr Ding. Doch alles telepathische Betteln half nichts, Jana machte etwas Blödes - Für mich.


„Ich heißte Max.“

„Also, Max, wie unsere Freundin Hanna uns eben berichtete…“ dabei wies sie mit der Hand auf mich, wodurch ich vermutlich hochrot anlief, „…gab es zwischen euch beiden wohl ein bedauernswertes Missverständnis.“ Oh oh, das klang gar nicht gut. Was hatte sie vor? Ich wollte irgendetwas sagen, doch ich war auch so neugierig darauf, was sie jetzt sagen würde, dass ich kein Wort über die Lippen brachte.


Max, wie Skater-Boy also richtig hieß, legte die Arme auf den Rücken und sah Jana mit hochgezogener Augenbraue und verschmitztem Grinsen an. Ich glaube, er wusste genau so gut wie ich, dass es sich nicht um ein Missverständnis gehandelt hatte.

„Inwiefern?“

„Nun, Hanna hatte vor lauter Aufregung gestern augenscheinlich vergessen, dass sie heute zu dem Zeitpunkt, als ihr euch hättet treffen sollen, bereits mit uns verabredet war. Wir hassen Absagen und deswegen blieb der Armen keine andere Wahl, als sich mit uns zu treffen, statt wie vereinbart zum Brunnen zu kommen.“

„Ist das so?“ Damit drehte Max den Kopf zu mir und sah mich fragend an. Ich wusste nicht was ich tun sollte, deswegen lächelte ich nur leicht und stocherte dann mit der Gabel in meinen Nudeln herum, auf die mir die Lust irgendwie vergangen war.

„Ja das ist so, nicht wahr, Hanna? Aber um das wieder gut zu machen, würde sie sich sehr gerne mit dir morgen um dieselbe Zeit am Brunnen treffen. Vorausgesetzt du kannst Elise und mir verzeihen, dass wir sie heute davon abgehalten haben.“

Fassungslos starrte ich Jana an. Das war jetzt nicht ihr ernst, oder?! Bevor ich irgendetwas sagen konnte sagte Max: „Jeder verdient eine zweite Chance, daher nehme ich die Einladung gerne an.“ 


Er sah mich belustigt, aber auch leicht herausfordernd an. Ich war mir fast sicher, dass er mit seiner Aussage auf die zweite Chance nicht nur mich meinte, sondern auch sich selbst. Ich wusste er gab mir hier eine Möglichkeit Nein zu sagen, gleichzeitig würde mich das aber ziemlich schlecht dastehen lassen. Ich stieß einen Seufzer aus und schüttelte leicht ergeben den Kopf.


„Gut. Dann morgen um fünfzehn Uhr am Brunnen auf dem Marktplatz.“ Max strahlte mich an. „Ich freue mich darauf, Prinzessin.“

Kaum war er weg, da bedachte ich Jana mit einem bitterbösen Blick.

„Dir ist klar dass du mir gerade ein Date mit einem Typen verschafft hast, der mich Prinzessin nennt, oder? Bei meinem Glück ist der Kerl ein Stalker oder so!“

„Ach Hanna, reg dich ab. Gib dem armen Kerl doch wenigstens eine Chance. Nie im Leben ist das ein Stalker.“

„Ich weiß warum du ihn so magst. Und warum du mir dieses Date verschafft hast.“

„Ach ja?“

„Ja.“ Und nun musste ich Schmunzeln. „Er sieht so ähnlich aus wie diese Figur aus dieser einen Serie… den du so hübsch findest, oder?“

„Erstens ist das Game of Thrones und die Figur heißt Jon Schnee, du Kulturbanause und zweitens… ABSOLUT!“ Und damit befanden wir uns am Anfang eines Gespräches um hübsche Schauspieler und abgedrehten Stories von Stars und Sternchen. Der restliche Abend war wirklich schön. Erst als ich abends in mein Bett fiel dachte ich an das Date, dass ich morgen widerwillig haben würde. So sehr ich mich auch dagegen sträubte, ein winziger Teil von mir war dennoch positiv aufgeregt. Ich machte diese blöden Hormone dafür verantwortlich und schlief mit einem Grummeln ein.

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Das Date fing nicht gut an. Und ich war schuld daran. Ich gab mir wirklich alle Mühe, aber ich vermasselte es dennoch. Am Morgen hatte ich mich extra geduscht, hatte mir etwas schickes, aber nicht zu auffällig Teures angezogen und ich war pünktlich am vereinbarten Treffpunkt, was mir sonst immer sehr schwer fiel. Max hatte dieselben Klamotten an wie zwei Tage zuvor und war eine Mischung aus grün und blau, die mir leider nicht wirklich gefiel. Das weiße Hemd hatte ihm besser gestanden. Ich ärgerte mich, dass er sich nichts Besseres für unsere Verabredung angezogen hatte, fragte mich aber im gleichen Moment warum er es auch hätte anders machen sollen. Er wusste wahrscheinlich, dass dieses Treffen mir nichts bedeutete, deshalb hatte er sich auch nicht die Mühe gemacht. Wieso aber hatte ich mir dann die Mühe gemacht und den gesamten Morgen mit einem Flattern im Magen verbracht? So kam es, dass ich schon leicht verärgert war, bevor wir überhaupt ein Wort miteinander gesprochen hatten. Ich war distanziert und zickig, das wusste ich selbst, aber ich konnte einfach nicht anders.


Wir gingen in ein kleines, für Studenten typisches Café und bestellten beide einen großen Milchkaffee. Max war wirklich nett. Überraschenderweise. Er war witzig, mochte Bücher und Comics und gestand mir seine Vorliebe für Grün – als hätte ich das nicht schon bemerkt. Er redete und redete, aber ich bekam nur die Hälfte mit. Ich betrachtete seinen abgeliebten Pullover, der bei näherer Begutachtung schon kleine Löcher und blasse Stellen hatte. Die Kordel waren an den Enden ausgefranzt und die vielen kleinen Fäden streckten sich in alle Richtungen. Es erinnerte mich an mein Handy, das seine besten Tage schon längst hinter sich hatte, dass ich aber immer noch benutzte. Ich war so froh, dass es wirklich wieder funktionierte, nachdem ich es getrocknet hatte. Es war eben mehr als nur ein Handy. Galt dasselbe auch für seinen Pullover? 


Ich war sehr schweigsam und nippte nur leicht an meinem Kaffee. Ab und an warf ich ein paar Worte in das Gespräch, aber so richtig dabei war ich nicht. Ich dachte darüber nach, dass wir beide aus unterschiedlichen Ständen kamen, dass er wahrscheinlich einen anderen Lebensstil pflegte als ich. Er würde sich über meine vielen Paar Schuhe lustig machen, über die überteuerten Pflegeprodukte schimpfen und sich fragen, wozu man als Frau dreißig Handtaschen brauchte. Meine Ansprüche hatten schon so einige in die Flucht geschlagen, die diese Art Leben nicht gewohnt waren und ich hätte wetten können, bei Max würde es genau so werden. Wozu also die Mühe, wenn es doch eh keinen Sinn machte.

Aber alles in mir wehrte sich, dieser Verabredung vorzeitig ein Ende zu setzen. Ich hörte Max gerne zu, wenn er beim Reden die Arme mitbewegte und mit seinem Gesicht Grimassen schnitt. Er wirkte so lebhaft. Endlich hörte ich ihm aufmerksamer zu. Ich beschloss, den Rest des Dates zu genießen und das Beste daraus zu machen. Ich lachte über seine Witze und Nachahmungen von Seriencharakteren (die von The Big Bang Theory beherrschte er alle absolut perfekt), lies mir Geschichten über verrückte Kunden in Restaurants erzählen und wie er sich mit der Arbeit als Kellner bald ein Studium finanzieren wollte. Das Fach: Biologie. Selbst ich wusste, dass man damit später keine besonders rosigen Aussichten hatte. Für den Moment aber war das egal, da ich mich damit nicht lange würde beschäftigen müssen. 


Ich erzählte ihm von meinem Studium, den Serien und Büchern, die ich mochte und wir entdeckten dabei einige Gemeinsamkeiten, die wohl uns beide überraschten. So verbrachten wir einige Stunden im Café, bis er sich langsam wieder zur Arbeit aufmachen musste. Er bezahlte für uns beide, obwohl ja eigentlich ich ihn hätte einladen müssen, aber er lies es sich nicht nehmen. Wir schlenderten gerade am Marktplatz vorbei, als Max sagte:


„Ich finde, es war ein wirklich schöner Nachmittag.“

„Ja, das finde ich auch.“

„Hättest du Lust das irgendwann noch mal zu machen?“ Damit blieb er stehen und lächelte mich an. Ich atmete kurz tief durch, bevor ich sagte: „Nein. Ich finde, das wäre keine gute Idee.“

„Wieso nicht?“

„Du und ich, wir sind einfach zu verschieden.“

„Hatten wir gerade dasselbe Date? Das Mädchen, mit dem ich eben Kaffee getrunken habe, schien ziemlich viel von dem zu mögen, was auch ich mag.“ Er deutete mit den Daumen in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Seine Augenbrauen näherten sich seinem Haaransatz.

„Ich meine nicht diese Kleinigkeiten. Ich meine das Grundlegende. Sieh dich an, sieh mich an. Wir kommen aus unterschiedlichen Welten.“

„Du bist die Prinzessin und ich bin der Zwerg?“

„Wenn du es so nennen willst.“

Nun sah Max ziemlich verärgert aus. Die Wahrheit tut weh, aber es war nun mal die Wahrheit. Ich war kein einfacher Mensch und früher oder später würde auch er das bemerkten und einfach verschwinden. Und das wollte ich nicht. Er biss sich auf die Lippe, dann stieß er ein schnaubiges Geräusch aus, sah in den Himmel und schüttelte leicht den Kopf.

„Dann habe ich mich wohl in dir getäuscht. Ich dachte wirklich, du wärst anders, als du auf den ersten Blick erscheinst. Dabei hast du wahrscheinlich nur aus Mitleid den Kaffee mit mir getrunken, Prinzessin. Du siehst nicht nur wie eine aus, nein, du bist auch noch wie eine verwöhnte, kleine Prinzessin, die nur an Oberflächlichkeiten interessiert ist und wenn man nicht genug Geld hat um der Dame alles bieten zu können was sie will, dann ist man nicht gut genug und…“


KLATSCH. Während er sich so in Rage geredet hatte um seiner Wut Raum zu geben, war ich zu ihm hingetreten und hatte ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Er durfte mich nicht einfach so verwöhnte Prinzessin nennen. Und oberflächlich. Tief in mir drin wusste ich, dass er Recht hatte, aber ich wollte es nicht hören. Hatte ich nicht eben noch gesagt, dass die Wahrheit wehtut, aber dass man sie hören musste? Ich war also auch noch eine Heuchlerin. Ich war gar nicht sauer auf ihn, sondern auf mich, weil ich so war wie er sagte und diesen tollen Nachmittag mit dieser dummen Aussage ruinierte. Warum? Er war nett, süß und ich hatte die Stunden mit ihm wirklich genossen. Wieso gab ich dem ganzen nicht einfach eine Chance? Richtig: Ich war oberflächlich und verwöhnt und wollte niemanden haben, der unter meinem „Stand“ war.


Bumm bumm. Mein Herz schlug heftig in meiner Brust. Bumm bumm. Ich fing an schwer zu atmen. Bumm bumm. All diese Jahre hatte ich keine Probleme so zu leben, wie ich es tat. Keine Bemerkungen hatten mir bisher irgendetwas ausgemacht. Bumm bumm. Warum jetzt? Warum hier? Warum er? Ich schaute ihn an, wie er mit großen Augen vor mir stand und sich eine Hand an die Wange hielt. Bumm bumm. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich fasste mir in die Haare und fühlte mich schwindelig. Ich war angewidert von mir selbst und fing nun auch an zu Schluchzen. Max sah so aus, als wüsste er nicht, ob er sauer sein oder sich sorgen sollte. Ich nahm ihm die Entscheidung ab.


„Es tut mir so leid!“ Es war eher ein Flüstern, aber er schien mich zu verstehen. „Entschuldige.“ Damit drehte ich mich um und ging erst langsam vom Platz weg, bevor ich in einen schnellen Schritt verfiel und dann letztendlich rannte. Er kam mir nicht nach. Außer Atem kam ich in meiner Wohnung an, schlüpfte aus meinen Schuhen und lies mich ins Bett fallen. Ich weinte, als würde ich all die Jahre nachholen, in denen ich es nicht getan hatte.

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Am nächsten Morgen sah ich aus wie ein Kugelfisch. Meine Augen waren gerötet und geschwollen und der Rest meines Gesichtes fühlte sich aufgeplustert an. Gleichzeitig jedoch fühlte ich mich leichter und erholt. Was auch immer letzte Nacht in mir geschehen war, es hatte wohl auch eine positive Auswirkung. Ich stand in meiner Wohnung und es war, als sehe ich sie zum ersten Mal. Schick, elegant… und leblos. Es sah aus wie in einer Zeitschrift, aber nicht nach mir. Nicht nach Leben. Nicht nach dem, was ich gestern Abend in Max‘ Augen gesehen hatte. Bei dem Gedanken an ihn musste ich lächeln, im nächsten Moment aber wurde mir schlecht. Ich hatte ihn furchtbar behandelt, obwohl er doch immer nur nett zu mir gewesen war. Ich kannte ihn nicht lange, aber ich mochte ihn und seine Art zu reden, mit Händen und vielleicht auch Füßen. Dass ich auch meine zweite Chance bei ihm verspielt hatte war mir bewusst und es tat verdammt weh. Irgendwann heute Nacht war mir klar geworden, dass Geld in einer Beziehung nicht alles war. Dass man auch auf einer Wellenlänge sein konnte, wenn man eben nicht auch dem gleichen Stand angehörte. Stand. Das Wort fühlte sich alleine schon in meinen Gedanken schmutzig und widerlich an. Ich schämte mich, dass ich so gedacht hatte und deswegen schon im Vornherein ablehnend gegenüber Max gewesen war. Es kam mit fast so vor, als hätte die Ohrfeige nicht ihm, sondern mir selbst gegolten und ich hatte mich damit selbst aus einem Zustand herausgeholt, in den ich nie wieder versetzt werden wollte. Ich hatte immer über die Protagonistinnen aus den Büchern gelacht, deren Leben sich mit dem Eintreten eines Jungen oder Mannes schlagartig verändert hatte.  Ich hatte es für total absurd gehalten. Wie sich Ansichten doch ändern können…


Ich verbrachte den Tag damit, meine Wohnung umzuräumen, aufzuräumen und auszumisten. Klamotten kamen in einen Karton, einige Handtaschen flogen hinterher und so blieb nach und nach nur das über, was ich wirklich mochte. Nicht etwa weil es das teuerste und angesagteste war, sondern weil ich es gerne um mich hatte, es Erinnerungen barg oder ich mich einfach damit wohlfühlte. Ich kramte die pinken Kuschelsocken aus dem Schrank, die meine Mutter mir gekauft hatte, die ich aber bisher einfach zu albern gefunden hatte. Sie fühlten sich schön an. Ich rief meine Mutter an und plauderte mit ihr über alles und nichts. Einfach so. Auch Jana und Elise rief ich an, versorgte sie aber nur mit den nötigsten Informationen und lies meinen Zusammenbruch aus. Ich zog meine Schlabberklamotten an, kochte mir Tee und lümmelte mich bis in den späten Nachmittag nur auf das Sofa und schaute Fern. The Big Bang Theory. Anstatt den Dialogen zu folgen stellte ich mir aber Max vor, wie er die Charaktere nachmachte. Ich vermisste ihn und das nach so kurzer Zeit, was mich leicht aus der Bahn warf. Ich hatte aber nicht mal eine Handynummer, unter der ich ihn hätte erreichen und mich entschuldigen können. Ob ich ihm je sagen konnte, was dieser Abend und die darauf folgende Nacht mir bedeutet hatten? Da hatte ich eine Idee.


Ich holte meinen Laptop und öffnete Facebook. Alle Max‘ der ganzen Stadt durchzugehen würde sicherlich Stunden dauern, da ich ja nicht mal den Nachnamen kannte, zumal ich mir auch nicht sicher sein konnte, dass er überhaupt Facebook hatte. Ich rief daher die Spotted-Seite meiner Stadt auf und überlegte, was ich schreiben sollte. Der Sinn dieser Seite war, dass Leute anonym nach anderen Leuten suchen konnten. Man schickte eine Nachricht an die Betreiber der Seite und diese schrieben sie dann unter dem Namen der Seite auf deren Pinnwand. So blieb man selbst anonym und die Gruppenmitglieder konnten dann in den Kommentaren etwas dazu schreiben. So suchten Jungs nach Mädchen, die sie ihm Bus gesehen hatten, aber zu schüchtern gewesen waren, um sie anzusprechen. Mädchen suchten Jungs, die in der Schlange an der Kasse vor ihnen gestanden hatten, aber bereits aus dem Laden waren, bevor sie sich ein Herz fassen konnten, um sie anzusprechen.


Ich überlegte, was ich schreiben sollte. Nach einigem Hin und Her überzeugte mich Folgendes:


Goldenes Handy sucht grünen Hoodie – Prinzessin war eine Zicke und das tut ihr sehr leid. Kann der Zwerg ihr verzeihen?


Ich schickte die Nachricht ab. Ein paar Minuten später war sie auch schon von den Betreibern der Seite veröffentlicht worden und für alle lesbar. Jetzt hieß es hoffen und warten. Um mich nicht selbst verrückt zu machen fuhr ich meinen Laptop herunter und kochte mir einen Tee. Ich lies mich dann mit einem Buch auf das Sofa nieder und versank für die nächsten Stunden in der Geschichte. Als es Zeit für eine neue Kanne Tee war, wollte ich nachsehen, ob sich Max auf meine Anzeige gemeldet hatte. Hatte er, allerdings nicht in einem Kommentar, sondern in Form einer neuen Anzeige auf der Spotted-Seite. Mit klopfendem Herzen las ich, was dort geschrieben stand.


Grüner Hoodie ruft goldenes Handy an - Zwerg schlägt Treffen zur achten Stunde beim König vor. 


Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was diese Nachricht bedeutete. Max wollte sich mit mir treffen. Heute Abend um acht beim Restaurant Königs. Vermutlich war seine Schicht dann zu Ende oder er hatte Pause und Zeit um mit mir zu reden. Fünf Minuten waren alles, was ich wollte. Ich wollte mich nur bei ihm entschuldigen und ihm sagen, dass er Recht hatte, als er mich oberflächlich genannt hatte. Mehr wollte und erwartete ich auch nicht. Aber ich hoffte auf mehr. Ich lies meine Antwort ebenfalls als Anzeige veröffentlichen.


Prinzessin ordert Kutsche und wird kommen.


Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich nicht mehr viel Zeit bis zum Treffen hatte. Ich duschte, zog mir meine frischen Lieblingsklamotten an - einen blauen schlichten Strickpullover, eine hellblaue Jeans und meine Sneakers. Ich fühlte mich frisch, freute mich auf das Treffen, hatte aber auch Angst davor. 


Fünf Minuten vor Acht stand ich vor der doppelten Glastür, die in das Königs führte. Ich dachte, Max würde aus dem Restaurant kommen, deswegen hatte ich meinen Blick auf die Tür geheftet und merkte nicht, wie er genau von der anderen Seite kam.

„Hallo, Prinzessin.“  Ich drehte mich um und sah ihn an. Und war überrascht. Er trug eine dunkelblaue Jeans, ein grünes Hemd und wirkte irgendwie sehr elegant. Ich musste zugeben, der Anblick gefiel mir, aber ich vermisste auch den grünen Hoodie, der so gemütlich ausgesehen hatte. Er lächelte mich leicht an, ich sah aber auch den Ärger in seinen Augen. 


„Hallo Max. Hör zu, ich will dich gar nicht lange aufhalten, ich wollte dir nur sagen, dass es mir furchtbar Leid tut. Das was ich gesagt habe und dass ich mich so furchtbar benommen und dir, na ja, eine gepfeffert habe.“ Ich fuhr mir durch die Haare. „Ich war gar nicht sauer auf dich. Na ja, ein wenig schon, aber eigentlich war ich mehr sauer auf mich. Das was du gesagt hast stimmt und ich wusste das auch, wollte es mir aber nicht eingestehen. Mir hat es nie etwas ausgemacht, bis du es gesagt hast. Und ich finde es schlimm, dass du mich so furchtbar findest, aber ich verstehe wieso.“ Ich lies die Hände an meine Seite fallen und seufzte. „Ich war eine Idiotin. Das weiß ich. Wir haben uns so gut verstanden und ich habe es vermasselt, weil ich an so unbedeutende Dinge wie Geld und Stand gedacht habe. Das wird mir nicht noch ein Mal passieren. Es tut mir leid. Auch wenn es zu spät kommt.“ Ich schaute ihn entschuldigend an. Er stand da, die Hände vor der Brust verschränkt und grinste mich hämisch an.


„Ich wusste es.“ Er lachte leicht.

„Was wusstest du?“

„Dass du nicht so eine oberflächliche Prinzessin bist, wie es den Anschein hat.“ Ich kniff die Augenbrauen zusammen, weil ich nicht ganz verstand, was er sagte. War er nun böse auf mich oder nicht?

„Wie ich sehe brauchst du wohl ein paar Erklärungen mehr. Komm, lass uns etwas Essen gehen und währenddessen erkläre ich dir alles.“ Er kam auf mich zu und hielt mir seinen Arm hin, damit ich mich bei ihm einhaken konnte. Immer noch war ich verwirrt, aber ich nahm dann doch seinen Arm und ging mit ihm ins Restaurant. Ich wollte bei ihm sein und ich hoffte so sehr, dass er mir nicht mehr böse war. Ich mochte ihn wirklich und dass obwohl ich ihn erst so kurz kannte. Er hatte es geschafft, mich innerhalb von nur einem Tag zum Besseren zu verändern.  Wie gut würde er mir dann mit jedem weiteren kommenden Tag tun? Ich wollte es so gern herausfinden.


Kaum waren wir eingetreten, kam auch schon der Chef-Kellner auf uns zu. Was er dann sagte, lies mich erst mal einen Moment die Luft anhalten.

„Ah, guten Abend, der junge Herr König. Ihr Tisch ist bereit und das Lieblingsgericht ihrer Begleitung bereits in Vorbereitung. Kommen sie.“

Herr König? Max König? Wie in, Restaurantbesitzer-König? Des Königs? Max konnte mir vermutlich beim Denken zusehen, denn er lachte leicht. 


Während ich meine Nudeln aß erzählte mir Max alles. Er sagte, ich sei ihm aufgefallen, als ich eines Abends mit meinen Freundinnen hier im Restaurant war, als er seinen Vater besuchte. Nun war es aber so, dass er mit Mädchen in Bezug auf Geld bisher nicht die besten Erfahrungen gemacht hatte, ebenso wie ich mit Jungen. Doch im Gegensatz zu mir wollte er niemanden, der mit ihm mithalten konnte, was Geld anging. Seine Eltern waren mit diesem Restaurant und einigen weiteren auch zu Wohlstand gekommen. Nein, ihm ging es darum, dass ein Mädchen ihn um seinetwillen mochte und nicht wegen des Geldes. Einige waren nur deswegen mit ihm ausgegangen. Solche Mädchen, wie auch ich es gewesen war. Gestern, aber nicht heute.


„Dein Handy hat mir aber verraten, dass du auch anders sein kannst. Es ist alt, lädiert und billig, und es stand so im Kontrast zum Rest von dir, dass mit klar war, dass du mehr bist als das.“

Wie der Zufall es so wollte, hatte Max eine Wohnung am Marktplatz, die vom Wohnzimmer aus einen Blick auf den Brunnen freigab. Er hatte mich am Brunnen gesehen und vorgestern beschloss er dann, mich anzusprechen – allerdings in Verkleidung, wie er es nannte. Einmal im Skater-Outfit und am nächsten Tag im Aufzug eines Kellners.


„Ich wollte wissen, ob du mich auch mögen kannst, wenn du nicht weißt wer ich wirklich bin.“ Er lächelte. „Und ob ich dich mögen kann, wenn ich weiß, wie du wirklich bist. Der eine Tag im Café hat mir das gezeigt und mir verraten, dass mehr in dir steckt, als man glauben mag. Bis du mir dann diese Worte am Ende gegen den Kopf geknallt hast. Und deine Hand.“ Ich muss wohl schockiert und beschämt geschaut haben, denn er fing an zu lachen. „Keine Sorge, ich verzeihe dir. Immerhin scheint es ja etwas gebracht zu haben, oder nicht?“ Ich nickte. Er beichtete mir noch, dass er bereits Biologie studierte und nicht dafür arbeiten musste.


Und dann erzählte ich ihm, was mir alles durch den Kopf gegangen war, nachdem ich ihm diese Ohrfeige gegeben hatte. Ich war Max nicht böse, dass er mich getäuscht hatte, denn es war genau das, was ich gebraucht hatte.

„Bist du jetzt erleichtert, dass dein Zwerg in Wahrheit ein Prinz ist?“ Er schaute mich fragend, aber freundlich an, denn er kannte meine Antwort schon.

„Nein. Ich hätte dich auch als Zwerg genommen.“ Ich lachte leise. Ich war einfach überglücklich, dass er mir nicht mehr böse war und dass er hier war und mich zum Lachen brachte und dass dies nicht unser letzter Abend zusammen sein würde.

„Ich weiß, dass hat mir deine Entschuldigung vorhin gezeigt.“ Er stand von seinem Stuhl auf und setzte sich zu mir auf die Bank. Er nahm mein Gesicht sanft in beide Hände und schaute mir in die Augen. Vor lauter Nervosität war mein Hirn wie Zuckerwatte und ich sagte etwas unheimlich Schlaues.

„Deine Augen sind so grün wie der Frosch, der bei uns zu Hause im Teich lebt.“ Wow, wie romantisch. Doch Max lachte nur. Dann sah er mich wieder an.

„Das ist genau die passende Augenfarbe für einen Zwerg. Und du, Prinzessin, hast Augen wie klares, blaues Brunnenwasser aus den Märchenfilmen.“

Und dann küsste er mich.

Ende
 

Kommentare:

  1. Wundervoll! Ich hatte viel Freude mit deiner Geschichte. Vielen Dank, dass du sie mit uns geteilt hast.
    Frohe Ostern,
    Mareike

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  2. *seufz* Hach, ich liebe Märchen und deine Geschichte ist wundervoll! Aber jetzt sind meine Augen ganz schwummrig, ich sollte wohl wirklich ins Bett *Augen reib* Tja, das kommt davon, wenn gewisse Leute solch schöne Dinge schreiben. :)

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    1. Dankeschön! Freut mich, dass sie dir gefallen hat! Und dass du dafür auch mit müden Augen auf den Bildschirm geguckt hast :D

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  3. Mir hat sie auch sehr gut gefallen! :)

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  4. Ach ist die Geschichte süß.... ein süßer Traum. Ich wollte gar nicht dass sie aufhört ;( Ach wie toll... du hast mir Recht gewonnen. Wenn du mal Bücher schreibst... ich freue mich darauf, es zu lesen! =)
    LG Cörnchen

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    1. Haha, danke :D ! Eines ist ja in Arbeit, aber bis das fertig ist... dauert noch :D ! Ist aber auch eine ganz andere Richtung.

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  5. Du hast wirklich Talent zum Schreiben. Ich war gerade richtig gefesselt von deiner Geschichte!

    Liebe Grüße,
    Fraencis

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Hallöchen :)

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